Raoul Coutard: Die Begründung der Jury
Mit Raoul Coutard wird ein Kameramann mit dem neu geschaffenen Marburger Kamerapreis ausgezeichnet, der wie kein zweiter die Bildästhetik des modernen Kinos geprägt hat. In enger Kooperation mit den Regisseuren Jean-Luc Godard, François Truffaut, Jacques Demy und Jacques Rivette hat er jene markante Bildlichkeit kreiert, die zum unverwechselbaren Kennzeichen der Nouvelle Vague werden sollte, einen Kamerastil, den sich dann die Reformbewegungen der sechziger Jahre (wie etwa der Junge Deutsche Film) zu eigen machten.
Filme wie Außer Atem (1959), Schießen Sie auf den Pianisten (1960), Jules und Jim (1961), Weekend (1967), Die Braut trug schwarz (1967) strahlen die für Raoul Coutards Kameraarbeit so typische Vitalität und Leichtigkeit aus. Coutards Bilder durchbrachen die sterile Studioästhetik der fünfziger Jahre. Sie gewannen eine Offenheit des Blicks und eine Nähe zur Alltagswelt zurück, eine beinahe dokumentarische Unmittelbarkeit. Zugleich geht durch Coutards völlig neuartige Lichtgestaltung eine ganz unaufwendige, selbstverständliche Poesie des Wirklichen in die von ihm gestalteten Filme ein.
Raoul Coutard ist aber nicht nur ein Avantgardist des Kunstkinos, er verliert bei seiner Arbeit nie den Zuschauer aus den Augen. „Alle meine Nouvelle-Vague-Freunde reagieren schrecklich beleidigt, wenn ich sage, dass das Kino für das Publikum gemacht werden sollte“, äußerte er in einem Interview. Filme wie Z (1968) und Das Geständnis (1970), die er mit Costa Gavras drehte, sind Publikumsfilme in diesem Sinne, waren weltweit erfolgreich, verbinden politisches Engagement mit spektakulären Bildern und großen Emotionen.
< zurück